Plan B

Heute mit: Benno Maggi
Defense first

Die sportliche Schweiz ist stolz auf ihre Jugendförderung, die immer wieder Toptalente hervorbringt. Und die wirtschaftliche Schweiz ist stolz auf ihre innovativen Hochschulen, insbesondere die ETH und die EPFL, die ambitionierte Startups hervorbringt. Schnell aber geraten sowohl Toptalente wie Startups ins Stocken. Weshalb? Weil Schweizer oder in der Schweiz aufgewachsene und arbeitende Sportler_innen und Jungunternehmer_innen sowie deren Financiers das Risiko scheuen. Anders gesagt: Sie denken «Defense first».

Gern rühmt man sich zwar dafür, dass man für so ein kleines Land beachtlich viele Grosskonzerne und Sport-Weltstars hervorbringt. Das stimmt, aber es ginge noch besser. In der Medals-per-Capita Rechnung (Anzahl Medaillen pro Einwohner_in) lag die Schweiz an den Olympischen Spielen 2016 in Rio de Janeiro auf Rang 24. Hinter Fiji, Bahrain und Grenada. Und an den Olympischen Winterspielen 2014 in Sotschi auf Rang 7, aber hinter Slowenien, Lettland und Holland. Das müsste doch den Ehrgeiz anstacheln!

In der Wirtschaft steht die Schweiz schlecht da – insbesondere im Bereich Job Creation, der in Zukunft den wirtschaftlichen Erfolg eines Landes darstellen wird. Während in den USA nicht nur die Giganten Amazon (Gründungsjahr 1994, Mitarbeitende 2016: 351’000), Google (1998, 72’053) und Facebook (2004, 17’048), sondern vor allem auch kleinere Startups an die drei Millionen neue Jobs kreierten, blieben Schweizer Startups meist in der Anfangsphase stecken. Dabei sind ETH und EPFL ähnlich erfolgreiche Brutstätten wie in den USA Stanford und Harvard. Aber die Schweizer ETH- und EPFL-Spinoffs kommen nach der ersten Finanzierungsrunde meist nicht mehr vom Fleck, weil Risikofreudigkeit und -kapital fehlen. Die Jungunternehmer_innen geben sich mit dem Erreichten zu früh zufrieden oder basteln solange an hundertprozentiger Qualität, bis die Konkurrenz sie überholt. Und die Financiers? Die investieren meist altes Geld aus ihren Family Offices, Trusts und Fonds und prahlen damit in Rotarier-, Rennweg- oder anderen Clubs, anstatt Managementsupport zu liefern. Und wenn ab der zweiten oder dritten Finanzierungsrunde für die Skalierung des Business richtig Kohle gefragt ist, bekommen sie kalte Füsse.

Ähnlich verhält es sich im Sport. Auch Sportler_innen werden nach der Devise «Defense first» geschult, gefördert und ausgebildet. Das heisst, wenn einer stürmen will, wird er zurückgepfiffen. So erstaunt es nicht, dass sowohl im Fussball wie im Eishockey – den beiden grössten Schweizer Exportsportarten – mehrheitlich Defensivspieler_innen den Sprung ins Ausland schaffen. Dort versauern sie meist und reifen nur selten zu Weltklasse, denn für diesen Schritt braucht es neben Geduld und Glück auch die Bereitschaft, Risiken einzugehen. So gibt man sich in der Schweiz zufrieden mit Listen unzähliger im Ausland tätiger Spitzensportler_innen, die man dann im Sportteil aber vergeblich in den Aufstellungen sucht – und stattdessen in Klammern lesen muss: (nicht im Aufgebot), (Ersatz), (verletzt).

Übersetzen wir das Phänomen ins Business:  Von 40’000 Firmengründungen pro Jahr sind 10’000 echte Startups (der Rest sind Tochterfirmen, Holdings, Ich-AG). Von diesen 10’000 sind 300 im High-Innovation-Bereich tätig, und von diesen 300 überleben nicht einmal die Hälfte das erste Geschäftsjahr, geschweige denn die zweite Finanzierungsrunde. Und kein Startup hat es in den  letzten 20 Jahren geschafft, die Tausendergrenze der FTE («full time equivalent», Vollzeitbeschäftigte) zu knacken. Trotz alledem ist die Schweiz stolz auf ihre Startup-Kultur und feiert den Anteil von 92.4 Prozent an Mikro- und Kleinunternehmen im Land (<10 Mitarbeiter).

Es ist ein bisschen wie in Schweizer Fussballklubs, die regelmässig in der Qualifikation zur Champions League (der Fortune 500 des Fussballs) scheitern: Gut gespielt und trotzdem verloren. Weil zu wenig mutig oder eben zu defensiv eingestellt.

Hier schreiben abwechselnd Bruno Ziauddin, Benno Maggi, Bänz Friedli und Benjamin Steffen.

Ein Tag im Leben

Andri Ragettli: Schule, Trainieren, Essen

Jeden Morgen um 6.30 Uhr klingelt mein Wecker im Sportinternat in Engelberg. Ich teile mir ein Doppelzimmer mit Kim Gubser, einem Freeskier wie mir. Um 7 Uhr gibt’s Frühstück in der Mensa. Meistens esse ich nur wenig. Etwas Müesli oder ein Brötli, eine Schoggi, Wasser. Ernährung spielt bei mir im Moment noch keine grosse Rolle. Gut, ich achte darauf, nicht ständig Chips zu essen, und trinke generell keine Süssgetränke.

Nach dem Frühstück gehe ich zurück auf mein Zimmer; die Schule beginnt um 7.30 und geht bis 11.30 Uhr. Dann haben wir Mittagspause. Um 12.20 Uhr essen wir in der Mensa – das Essen ist immer unterschiedlich und meistens okay. Dann passiert erstmal nichts, wir sind auf dem Zimmer. Um 13.30 Uhr beginnt das Training in der Halle. Wir sind 25 Sportlerinnen und Sportler – alles Snowboard oder Freeski. Trainiert wird in kleineren Gruppen: Zuerst Aufwärmen, dann Trampolinspringen fürs Luftgefühl, dann Skateboarden – wobei ich im Moment da ein wenig vorsichtig bin, ich möchte mir so kurz vor Beginn der Saison nichts verstauchen. Dann gehen wir auf den Airtrack, einen gefederten Boden, auf dem man gut herumspringen kann. Anschliessend machen wir Kraft- oder Ausdauertraining. Insgesamt trainiere ich täglich drei Stunden.

Ab 17 Uhr habe ich frei, bin im Zimmer, dusche und habe ein wenig Zeit für meine Kollegen – es sei denn, ich muss lernen, so wie heute, morgen habe ich eine Franz-Prüfung. Um 18.30 Uhr ist Nachtessen. Von 19 bis 20 Uhr dann das sogenannte «offizielle Studium», da muss man sich nochmals hinsetzen. Heute musste ich für Deutsch eine textgebundene Erörterung schreiben. Es ging um ein Interview mit der Forscherin Cathy O’Neal, die darüber sprach, wie Algorithmen deinen Facebook-Feed steuern und sowas. Dazu mussten wir einen Text verfassen. Deutsch ist nicht so mein Fach, am besten bin ich in Englisch und Mathe.

Von 20 bis 22 Uhr hat man dann nochmals frei. Um 22 Uhr musst du auf dem Zimmer sein, um 22.30 Uhr im Bett. Meistens unterhalte ich mich noch mit Kim, wir sind aber auch viel am Handy. Ich versuche um 23 Uhr zu schlafen.

So sieht mein Tag aus in Engelberg. Nächste Saison schliesse ich die Schule ab.

Protokoll: Mikael Krogerus

Wahrheit No. 2: Futtertrieb

Ursina Haller – Sie nannten mich Anakonda. Kein Kompliment für eine junge Frau, die gerade versucht, ihren Körper für Olympische Spiele zu stählen. Das Tier ist im Querschnitt fast rund, sein Kopf ist auffallend klein, der Teint schimmert immer etwas grünlich.

Ich war erlöst, als Freund_innen mich aufklärten, der Spitzname sei nicht durch mein Äusseres bedingt. Vielmehr ginge es um ein auffälliges Verhalten an einem bestimmten Ort: dem Esstisch. Dort verbrachte ich als Sportlerin viel Zeit. Er war die Destination, die ich morgens nach dem Aufstehen auf direktem Weg ansteuerte. Und danach zwei bis fünf weitere Male aufsuchte: für Anakonda-Portionen Vollkornpasta, Hüttenkäse, Gemüse, Früchte, Proteinshakes, Schokolade.

Wer sich mit mir an den Tisch setzte, musste sich auf etwas gefasst machen. Es zeigte sich, was mit einem passiert, wenn man den Körper im Training täglich an die Grenzen bringt und Tausende Kalorien verbrennt: Kaum auf dem Tisch, erspähte ich die in Töpfen bereitgestellte Beute sekundenschnell und schnappte sie mir. Gnadenlos. Mein Teller war schwer beladen, die anderen mussten sich mit dem Rest begnügen. Das wurde vor allem dann schwierig, wenn Sportler_innen mit mir am Tisch sassen. Wir alle haben einen ausgeprägten Futtertrieb.

Dass dieser nicht der Norm entspricht, wurde mir hingegen bewusst, wenn ich mit Nicht-Sportler_innen speiste. Während meine Freund_innen im Restaurant einen Salatteller bestellten, breitete der Kellner an meinem Platz einen Viergänger aus. Gewissensbisse musste ich keine haben: Ich betrachtete das Mahl als notwendige Karriereinvestition.

Während meiner Zeit als Sportlerin gab es keinen Moment, in dem ich nicht wusste, was ich als nächstes essen würde. Den Nahrungsmittelvorrat in meiner Küche hatte ich immer bis ins letzte Detail im Kopf, ich konnte jedes Joghurt aufzählen, das im Kühlschrank stand. Eine Heimkehr, ohne sicherzustellen, dass alles da ist für ein reichhaltiges Frühstück? Unvorstellbar.

Dabei konnte ich gar nichts für meine Gier. Ich war dazu erzogen worden: Sportler_innen lernen früh, dass das Essen zum Training gehört wie Aufwärmen und Stretching. Trainer_innen halten in Trainingsplänen fest, wann gegessen wird, manchmal ergänzen Ernährungsberater_innen, wie viel Gramm Kohlenhydrate, Fette und Proteine auf den Teller kommen. Vor Olympischen Spielen wurden wir zu medizinischen Briefings zusammengetrommelt, wo man uns erklärte, dass die richtige Verpflegung im Olympischen Dorf über Sieg oder Niederlage entscheiden kann. Ich solle meinen Hunger sofort stillen, lernte ich. Noch besser: Es gar nicht soweit kommen lassen und präventiv essen. Denn Nahrungsmittelentzug begünstigt Infektionen, und wer krank ist, kann keine Spitzenleistung abliefern.

Diesen Tipp nehme ich mir heute noch zu Herzen. Auch nach der Sportkarriere brauche ich ein intaktes Immunsystem, deshalb überwinde ich mich regelmässig zu einem präventiven Schokoladengipfel. Ich will doch nicht, dass man mir beim Abendessen Ähnlichkeiten mit einer Riesenschlange unterstellt!

Nächste Woche schreibt Ursina über Wahrheit No. 3: Selfie-Stress.

Der Sport-Podcast

Der Deutschlehrer und Bildungsblogger Philippe Wampfler hat eine heimliche Geliebte: Die NFL – die American Football League. In der zweiten Folge des No. 1-Sport-Podcasts spricht Mikael Krogerus mit ihm über Bill Belichick, den Post-Quaterback-Diskurs, moderne Sklaven, degenerative Hirnerkrankungen und warum er den Kansas City Chiefs viel zutraut.

No1-Sportpodcast als RSS-Feed abonnieren

Plan B

Als «Bruno» ein hipper Vorname war: Mindestens drei Buben auf dieser Aufnahme von 1975 heissen so. Unter anderem der Autor, obere Reihe, Dritter von links.

Eine Biographie in zwölf WM-Endrunden

Bruno Ziauddin

1974 (Deutschland) – Obwohl wir keinen Fernseher haben und ich noch keine Zeitung lese, weiss ich es ein halbes Jahr im Voraus: Die Schweiz ist nicht dabei. Das geht aus einem Taschenbuch hervor, das ich zum Geburtstag bekommen habe und sämtliche unter Beteiligung von Schweizer Mannschaften zustande gekommenen Fussballresultate des Jahres 1973 aufführt. Zum Beispiel: CS Chênois – FC Luzern 2:1. FC Sion – Lazio Rom 3:1 (!). Und eben auch die ehrenvollen Niederlagen der Rotjacken (die Autoren des Werks legten Wert auf eine lebendige und humorvolle Sprache) in der WM-Qualifikation: 0:1 gegen die Türkei und 0:2 gegen Italien, das in seiner Catenaccio-Blüte steht und die Qualigruppe mit null Gegentoren gewinnt.

1978 (Argentinien) – Aus mir ist ein Zeitungsleser und Fernsehfussballschauer geworden. Darum weiss ich: Die Schweiz ist nicht dabei. Ich gebe mich dem höchsten der Gefühle hin, das den Frustrierten dieser Erde zugänglich ist: Schadenfreude. Deutschland, Deutschland, ha-ha-ha.

1982 (Spanien) – Was zählt, ist der eigene Fussball. Ich bin Libero bei Young Fellows Zürich; es gilt die im Jahr davor im Schweizermeisterschafsfinale der C-Junioren erlittene Niederlage gegen La-Chaux-de-Fonds zu verdauen. Aber natürlich weiss ich: Die Schweiz ist nicht dabei. Um sich endlich wieder für ein Turnier zu qualifizieren, wird die Nati warten müssen, bis ich die fussballerische Volljährigkeit erreicht habe. Meine Mutter interessiert sich überhaupt nicht für Sport. Trotzdem schaut sie mit mir das WM-Halbfinale Deutschland – Frankreich, sie ist halb Französin. Nach dem entscheidenden Elfmeter der Deutschen bricht sie in Tränen aus.

1986 (Mexiko) – Zu wenig Talent, zu dünne Beine: Meine Volljährigkeit hat nicht den erhofften Effekt auf die Leistungen der Nationalmannschaft. Die Schweiz ist nicht dabei. Dabei hatte es so gut begonnen. Zuerst zwei Siege, dann ein Unentschieden gegen die Sowjetunion. Ich war im Stadion (Wankdorf, 51’000 Zuschauer), Andy Egli erzielte in der 91. Minute den Ausgleich. Zwanzig Jahre später habe ich ihn mal getroffen, sympathischer Typ.

1990 (Italien) – Geschwister, Eltern, lebenslange Freunde – mal steht man ihnen näher, mal ferner. So geht es mir auch mit Fussball. Keine nennenswerten Erinnerungen an diese WM, kaum ein Spiel gekuckt. Eines aber weiss ich: Die Schweiz ist nicht dabei.

1994 (USA) – Sollten diese Zeilen einem nicht an Sport interessierten Menschen bis anhin ein wenig Freude bereitet haben, kommt jetzt der Moment, wo ich alles kaputt mache: Ich musste fast dreissig werden, um erstmals in meinem Leben eine Schweizer Mannschaft an einer Endrunde zu sehen. Ja: Das war so aufwühlend wie das erste Mal Sex. Die Mannschaft von damals, inklusive Trainer, zählt seither zu meinem engeren emotionalen Bekanntenkreis. Noch heute fühle ich mich Hodgson, Hottiger, Sforza, Bickel und Chapuisat so verbunden wie den Mitbewohnern meiner ersten WG.

1998 (Frankreich) – Die Schweiz ist nicht dabei. Immerhin: Deutschland, Deutschland, ha-ha-ha.

2002 (Japan & Südkorea) – Die Schweiz ist nicht dabei. Da unverdient und unglücklich, macht nicht mal die Finalniederlage der Deutschen Spass.

2006 (Deutschland) – Nach dem torreichsten WM-Spiel aller bisherigen Zeiten (1954; 5:7 gegen Österreich) ist die Schweiz nun auch am schlechtesten WM-Spiel aller bisherigen und bestimmt auch künftigen Zeiten beteiligt (0:0 gegen die Ukraine). Aber hey: Wir sind Achtelfinal! Und davor: eine unvergleichlich aufregende Qualifikation inklusive Prügelparty in Istanbul.

2010 (Südafrika) – Doofes Turnier, doofe Schweiz. Gelson Fernandes stolpert uns zum glücklichsten Sieg aller wie auch immer gearteten Zeiten (1:0 gegen Spanien).

2014 (Brasilien) – Kein doofes Turnier, keine doofe Schweiz. Achtelfinal, letzte Minute der Verlängerung: What a Messi im argentinischen Strafraum! Trotz herzzerreissender Niederlage ist das eine der Top-7-Leistungen in der Geschichte der Nationalmannschaft.

Die anderen sechs in chronologischer Reihenfolge: WM 38: 4:2 in Paris gegen das «Deutsche Reich». WM 50: 2:2 gegen Brasilien in Brasilien. WM 54: 4:1 gegen Italien. 1993, WM-Qualifikation: 1:0 gegen Italien. WM 94: 4:1 gegen Rumänien. 1994, EM-Qualifikation: 4:2 gegen den WM-Dritten Schweden. 2005, WM-Barrage: 2:0 gegen die Türkei.

2018 (Russland) – Hoffentlich schafft es die Nati, die auf Hurling und Netzball spezialisierten Nordiren in der Barrage zu besiegen. Zum Beispiel 0:0 und 1:0 n.V. Denn das ist endlich wieder mal eine Mannschaft mit dem Potenzial, WG-Gefühle auszulösen. Shaqiri, wärst du so nett, dein Geschirr selbst wegzuräumen? – Lichtsteiner, wir würden den Film gerne in Ruhe schauen. – Miete zahlen, Xhaka! – Sie hat sich in Breel verliebt. – Rodriguez, sag doch auch mal was! – Sei nicht gleich eingeschnappt, Vladimir, sie hat es nicht bös gemeint. – Zimmer frei: Zuber oder Zakaria? – Yann, wo hast Du den Föhn hingelegt

Die Bilanz nach 44 Jahren: Besser so als Österreicher.

Hier schreiben abwechselnd Bruno Ziauddin, Benno Maggi, Bänz Friedli und Benjamin Steffen.

Ein Tag im Leben

Viktor Röthlin: 2. August 2010
Der Tag nach EM-Gold

Kurz nach Mitternacht kehrte ich mit meiner Frau und meinem Physio Daniel Troxler ins Athletenhotel zurück. Zuvor hatten wir in einem Restaurant im Zentrum Barcelonas ein wenig gefeiert. In der Lobby drückte mir Dani das Plastikkärtchen für sein Zimmer in die Hand und sagte: «Schau mal in der Minibar nach.» Zuerst habe ich mich ein wenig gewundert, aber dort fand ich dann einen Château d’Yquem – mein Lieblingswein! Der Tag nach meinem EM-Gold hat also um Mitternacht mit einer Flasche Süsswein begonnen. Und klar: Bei meinem Körpergewicht und nach so einer Anstrengung muss man nicht viel investieren, damit man sich relativ lustig fühlt.

An Schlaf ist nach einem Rennen meist nicht zu denken. Je länger die Nacht dauert, desto grösser werden die Schmerzen. Deine Muskulatur macht zu, irgendwann bist du so rigid, dass du fast nicht mehr aus dem Bett kommst. In Barcelona kam hinzu, dass ich viel zu aufgewühlt war – immer wieder habe ich mit einem riesigen Smile an die Decke gestarrt.

Der Gang ins Bad am Morgen war nicht schön. Gesicht waschen, Socken anziehen, sich auf eine Toilettenschüssel setzen… Alles tut weh, selbst das Zähneputzen, denn ein Marathon verursacht auch Muskelkater in den Armen. Du hoffst einfach, dass Du in den nächsten 48 Stunden keiner Treppe begegnest. Das Hinabsteigen ist wegen der exzentrischen Bewegungen überhaupt nicht nett.

Der Flug zurück in die Schweiz war schon am Vormittag, sodass wir früh mit dem Büssli vom Hotel losmussten. Danach folgte die typische Flughafen-Warterei, du bist ja eigentlich immer zu früh. Nach dem Check-in habe ich mich in ein Café gehockt. Dort sass auch Christophe Lemaitre, der französische Sprinter. Sein Stern ging in jenem Jahr gerade auf. Er wurde zum ersten weissen Europäer, der die 100 Meter unter 10 Sekunden lief, und in Barcelona gewann er das Triple – Gold über 100 Meter, 200 Meter und mit der Staffel. Obwohl er wie ich Asics-Athlet ist, hatten wir bis dahin noch nie miteinander zu tun, und so habe ich mich zu ihm gesetzt. Das war eine spannende Begegnung. Einerseits wegen dem Kontrast zwischen uns, Lemaitre ist ein sehr introvertierter Typ. Andererseits gab es durchaus Anknüpfungspunkte: 100 Meter und Marathon sind jene Disziplinen, die in der Leichtathletik etwas herausstechen; die Goldmedaillen finden am meisten Beachtung. Wir haben uns auch über Japan unterhalten, schliesslich wurden unsere Füsse im selben Entwicklungszentrum in Kobe vermessen.

Der Flug war sehr angenehm. Die Leute von der Swiss haben immer Freude, wenn sie uns Athleten befördern dürfen. Man wird bestens informiert, und ich durfte für die Landung in Zürich sogar ins Cockpit. Ja, das war eine Extrawurst, der Grossteil des Schweizer Teams befand sich ja ebenfalls auf diesem Flug. Aber ich wurde halt Europameister, zudem war der Captain laufinteressiert und hat sich die Chance auf einen Smalltalk nicht nehmen lassen.

Anstehen für die Passkontrolle, Koffer vom Gepäckband holen: In aller Regel gibt es null Sonderbehandlung für uns Sportler, und das ist auch okay so. Klar, mit ein paar Schmerzmitteln oder Entzündungshemmern wäre die Rückreise erträglicher gewesen. Trotzdem habe ich nach einem Rennen nie etwas genommen. Ich fand, die Nachwehen gehören dazu. Wenn du damit anfängst, dann schluckst du irgendwann beim kleinsten Wehwehchen etwas.

Um die Mittagszeit bin ich in durch die Schiebetür in die Ankunftshalle getreten. Später habe ich gelesen, dass dort etwa 200 Leute auf mich gewartet hätten. Das hat immer eine gewisse Ambivalenz: Einerseits möchtest du deine Ruhe und so schnell wie möglich heim. Andererseits ist es eine riesige Wertschätzung, wenn deine Fans zum Flughafen fahren, um dich mit Treicheln und Fahnen zu empfangen. Was mich extrem gefreut hat: Auch mein Vater ist gekommen. Das hat er selten gemacht – er ist ein typischer Obwaldner, für die ist nur schon Luzern quasi Ausland.

Danach begann der zweite Medienmarathon, den ersten gab es nach dem Rennen. Mein Management hatte im Radisson Blue einen kleinen Raum reserviert. Ich habe alles nochmals erzählt, was ich schon am Vortag erzählt hatte. Am Schluss, das weiss ich noch genau, war das Schweizer Fernsehen dran. Der Journalist wollte und wollte nicht aufhören zu fragen. Ich denke, ich bin ein geduldiger Mensch, versuche immer alles so zu erzählen, als würde ich es zum ersten Mal erzählen. Aber da hat es mir ausgehängt – die Müdigkeit, die durchzechte Nacht –, es wurde too much. Irgendwann habe ich das Interview einfach beendet.

Danach ging’s endlich zum Parkhaus. Meine Frau war nur fürs Wochenende nach Barcelona gekommen und hatte das Auto am Flughafen parkiert. Wir wohnten damals in Sempach, und als wir kurz vor dem Eindunkeln daheim ankamen, gab es einen Schockmoment: Von unserem Balkon baumelte ein Transparent herab. Natürlich gehst du grundsätzlich von etwas Positivem aus. Gleichzeitig bist du verwirrt, fragst dich: Was macht dieses Transparent dort, war jemand in deiner Wohnung? Die Nachbarn hatten «Wir gratulieren» auf ein Leintuch geschrieben und eine Leiter geholt, um es an unserem Balkon zu befestigen.

Regeneration? Klar, wäre total wichtig, aber ich habe sowieso nach jedem Marathon drei Wochen Pause gemacht. Natürlich könnte man den Erholungsprozess beschleunigen, indem man in den ersten 48 Stunden gezielt isst und mit Regenerationsshakes arbeitet. Ich hatte vor Barcelona wirklich alles gemacht, um meine beste Leistung abrufen zu können, danach war es mir völlig egal. In den ersten Tagen nach dem EM-Gold bin ich nicht mal in die Massage. Dafür habe ich mich von Junkfood und allem Wüsten ernährt. Schon das Frühstück vor der Rückreise in die Schweiz bestand aus einem McDonald’s-Menü.

Bevor ich todmüde ins Bett fiel, habe ich in den Sportteilen der Zeitungen geblättert – zu jener Zeit hat man ja noch Zeitungen gekauft – und die SMS-Gratulationen durchgesehen, etwa 150 Nachrichten. Was schon sehr eindrücklich war: Das Rennen fand am 1. August statt, einem Feiertag, sodass die Leute Zeit zum Schauen hatten. Ich habe einige coole Sachen im Sport erlebt. Aber nichts hat so hohe Wellen geschlagen wie dieser Sieg am Nationalfeiertag. Ein paar Tage lang hatte ich das Gefühl, jetzt kennt dich wirklich jeder.

Protokoll: Bruno Ziauddin

Wahrheit No. 1: Materialschlacht

Ursina Haller – Das Leben als Spitzensportlerin ist beschwerlich. Das wurde mir kürzlich wieder klar. Ich stand an einem Zürcher Flohmarkt. Es war noch Sommer, ein schrecklich heisser Tag, und ich versuchte, ein Problem loszuwerden, das mich auch drei Jahre nach dem Rücktritt vom Profisport noch belastet. Es stand Kante an Kante auf meinem Verkaufsplatz, hing in allen Farben an Kleiderständern und lag in Wühlkisten zu meinen Füssen: Auch nach der Frühpensionierung besitze ich immer noch so viele Snowboards, Winterkleider oder Handschuhe, dass ich eine ganze Snowboardschule damit ausrüsten könnte.

Während meiner Sportlerlaufbahn klingelte der Pöstler beinahe wöchentlich an der Tür. Er lieferte das Material der Sponsoren aus: 60 Kleidungsstücke im Jahr, ein Dutzend Snowboards, ebensoviele Schuhe, haufenweise Brillen, Handschuhe, Funktionswäsche, Rucksäcke, Taschen. Verpackt in riesige Kartonschachteln rollte die Ware in mein Haus. Ich freute mich jedes Mal darüber. Braune Pappe wird rasch zu funkelndem Geschenkpapier, wenn man nicht weiss, welche zauberhaften Dinge sie umhüllt.

Einmal geöffnet, verlor die Lieferung aber häufig an Glanz. Nicht selten hatte es mit dem Inhalt zu tun: Verpackungsdienste halten es offenbar für gerechtfertigt, einem einzigen Stirnband eine Kartonschachtel in der Grösse eines Koffers zu widmen. Das Stirnband wanderte in meinen Kleiderschrank, die Schachtel blieb im Wohnzimmer stehen. Meistens dauerte es nicht lange, bis weitere dazukamen. Nun gibt es bekanntlich schönere Einrichtungsgegenstände als ein Stapel Pappkarton. Die Fahrt zum Recyclinghof wurde zum festen Bestandteil meines Sportlerinnenalltags.

Mit der Zeit verschärfte sich die Lage an verschiedenen Fronten. Mein Kleiderschrank wurde immer voller, ebenso der Estrich und der Keller. Ich musste Vakuumsäcke kaufen, um Platz zu schaffen. Und mit dem Materialberg wuchs mein schlechtes Gewissen. Schliesslich war mein Problem an Absurdität kaum zu übertreffen. Wer kann schon darüber klagen, zu viel zu besitzen?

Das Materialproblem ist unter Sportlern kein Geheimnis. Es gibt Athleten, die jemanden dafür bezahlen, damit er ihre Sachen auf Ebay verkauft. Andere beliefern ihre Onkel, Cousinen und Freunde damit.

Ich machte, was man in der Verzweiflung tut: Ich bat mein Umfeld um Hilfe. Meine Mutter organisierte Transporte nach Nepal, damit die Winterkleider dort eine sinnvolle Verwendung finden. Mein Vater opferte sich gleich selber auf: Noch heute ist er beim Joggen angezogen, als wäre er selbst Olympiateilnehmer. Und einige meiner Freunde sehen aus wie ein Double von mir, wenn sie über die Pisten flitzen.

Doch die ganze Last konnten sie mir bei aller Liebe nicht abnehmen. Auf Empfehlung einer Sportkollegin versuchte ich es deshalb mit dem Flohmarkt. Leider entpuppten sich schwitzende Trödler nicht als ideale Zielgruppe für Snowboardmaterial. Ich habe immer noch zu viele Winterjacken, Bretter oder Schuhe. Wer will?

Nächste Woche schreibt Ursina über Wahrheit No. 2: Futterneid.

Der Sport-Podcast

In der allerersten Folge von «N°1 – Der Sport-Podcast» spricht Mikael Krogerus mit Pedro Lenz. Diskutiert werden die Grenzen des Möglichen bei YB, Pedros Onkel, Arschlöcher im Fussball, Muhammed Ali und Celtic Glasgows 18-jähriger Aussenverteidiger.

 

No1-Sportpodcast als RSS-Feed abonnieren