Plan B

Doppelbürger
Von Bruno Ziauddin
Zum besseren Verständnis meiner Lage zunächst folgende Information: Ich bin der Sohn eines Südinders und einer Schweizerin, habe eine französische Grossmutter, wurde in Ghana gezeugt und besitze den britischen sowie den Schweizer Pass.
Heute mag das nichts Aussergewöhnliches mehr sein. Anfang der Siebzigerjahre des letzten Jahrhunderts empfand man sowas jedoch als ziemliches Chrüsimüsi. «Man» sowieso, aber auch ich selbst. Umso identitätsstiftender war es zu wissen: Ich bin ein in Zürich geborener Zürcher, und Zürich ist das Beste, was die Schweiz und nach damaligem Kenntnisstand die Welt zu bieten haben, und der Zürcher Schlittschuhclub, dem ich von Rang 3 des Hallenstadions durch den Zigaretten-, Zigarren- und später Cannabisnebel hindurch meine unverbrüchliche Unterstützung aufs Eis hinab schrie, dieser ZSC ist der beste Eishockeyverein der Schweiz und der Welt sowieso, und in der wichtigeren, da selbst betriebenen Sportart Fussball existieren zwei Vereine: Zum einen meine Young Fellows Zürich, damals Liftverein zwischen 1. Liga und Nationalliga B, bei den Junioren aber Top of the Pops. Zum anderen, nein, ganz bestimmt nicht die Grasshoppers, schliesslich wohnten wir in einer kleinwüchsigen Appartementwohnung, wo ich bis zum verdammten zwölften Lebensjahr das Zimmer mit den Eltern zu teilen hatte, während GC der Klub aller Vorgesetzten, Segelbootbesitzer und sonstigen Golfspieler war. Jenes GC auch, das an einem Uefa-Cup-Match, woran ich einfach nicht aufhören zu denken konnte, von englischen Fans auf ebenso effiziente wie infantile Weise verhöhnt worden war, indem nämlich diese Fans auf einem Transparent den Namen «Grasshoppers» in einer um die beiden ersten Buchstaben gekürzten Fassung wiedergaben.
Nein, natürlich nicht GC, sondern FCZ. Karli Grob, Köbi Kuhn, Peter Risi, Illja Katic, René Bo!-Bo!-Botteron! Doppel-Cöp-Sieger 1972 und 1973.
Dann trat Mäse in mein Leben.
Mäse war eines Tages in unser Mietshaus gezügelt. Weil seine Familie zwei Appartements bezog, brauchte er das Zimmer nicht mit den Eltern zu teilen, sondern nur mit seinem Bruder, was er als mindestens so störend empfand. Mäse war mehr als drei Jahre älter als ich – ein halbes Leben. Er wurde mein allerbester Freund. Um sich in meiner Gegenwart nicht allzu sehr zu langweilen, brachte er mir das Nötigste bei: Schuhe binden, Quartett spielen, ergo Zahlen bis 10’000 lesen (3750 U/Min; Hubraum: 1699cm3), Federball, Tischtennis, Aussenristpässe.
Cöp-Sieger?, höhnte Mäse. Wir sind Meister! Das ist das einzige, das zählt.
Aber wir haben Köbi Kuhn.
Mäse: Das ist der zweitbeste Fussballer der Schweiz. Wir haben den besten!
Unser Goalie…
…ist eine Pumpi. Wir haben den Nationalgoalie!
Mäse war Fan des FC Basel. Das war die Mannschaft, die, soweit ich zurückdenken konnte – also mindestens zwei Jahre –, immer und immer Meister wurde. Und im Europacöp durch ehrenvolle Niederlagen glänzte, die ehrenvoller kein anderes Schweizer Klubteam hinbekam.
Mäse war, wie gesagt, mehr als drei Jahre älter als ich. Er war, nach meinen Eltern und vor meinen Grosseltern, der wichtigste Mensch im meinem Leben. Dennoch widerstand ich während vieler Wochen und Monate seinen Frotzeleien und Attacken auf meinen FCZ. Bis wir eines Tages zusammen in den Letzigrund gingen, Zürich gegen Basel, Kuhn gegen Odermatt. An das Resultat kann ich mich nicht erinnern, nur daran, dass Basel wieder einmal gewann. Und natürlich an den Satz, den ich nach dem Schlusspfiff zu Mäse sagte: «Du, ich werde glaub auch langsam Basel-Fan.»
Die nächsten plusminus vierzig Jahre sind rasch erzählt: Ich hielt dem FCB die Treue – Absturz in die Nationalliga B hin, grüne Trams und spezieller Dialekt her. Identitätstechnisch eröffneten sich dadurch weitere reizvolle Konstellationen: Ein undefinierbar unschweizerisch aussehender Bub, der eindeutig definierbares Zürichdeutsch spricht und mit rotblauem Trikot in der Muttenzer Kurve steht?
Den Basel-Fans gefiel das – es gab also in dieser an einer Flussattrappe namens Limmat gelegenen Bankierssiedlung Menschen mit Verstand und Geschmack. Mir wiederum gefiel, dass die Basler den Fussball ernster zu nehmen schienen als die Zürcher, ihn zugleich mit mehr Humor und Esprit kommentierten, was damit zusammenhing, so legte ich es mir später zurecht, dass sich in Basel auch Lehrer und Intellektuelle für Fussball begeisterten, während dasselbe Milieu in Zürich die Sportart für den Hundehaufen der Freizeitgestaltung hielt.
Wenn ich nach Basel an ein Spiel fuhr, passte ich mich an, darin hatte ich als Sohn eines Dunkelhäutigen ja Übung. Am Wurststand bestellte ich einen «Chlöpfer», auch wenn ich nie ganz verstand, warum die Baslerinnen und Basler einem kommunen Cervelat nicht einfach Cervelat sagen konnten.
Aus heutiger Sicht könnte man meinen: Der hat das schlau gemacht – ein wenig so wie jene, die in den Achtzigerjahren Microsoft-Aktien gekauft haben –, sein Verein wird immer Meister, und international muss er sich nicht schämen wie sonst eigentlich jeder andere Fan jedes anderen Schweizer Vereins.
Aus damaliger Sicht gilt es allerdings festzuhalten, dass ich, um es Sportdeutsch zu formulieren, den richtigen Zeitpunkt für meinen Rücktritt als FCZ-Fan verpasst hatte. Zwar wurden wir – und mit «wir» ist jetzt der FCB gemeint – noch zweimal Meister. Ich war beide Male dabei: 1977 beim Entscheidungsspiel gegen Servette vor 50’000 Zuschauern im Wankdorf. Und 1980 beim 4:2 gegen den FCZ im Letzigrund. Nach dem Spiel lief ich mit den Baslern triumphierend Richtung Bahnhof, obwohl mein Heimweg in umgekehrter Richtung lag.
Ansonsten fiel mein Vereinswechsel ausgerechnet in jene Phase, in der der FC Zürich dreimal hintereinander die Meisterschaft gewann. Danach war während gefühlten Jahrzehnten der Segelbootbesitzerclub dran. Kam hinzu, dass ich mich auch ungeachtet der jeweiligen Resultat- und Tabellenlage immer mal wieder fremd im eigenen Fankörper vorkam, denn eben: Zwar wusste ich nicht so recht, zu wie vielen Prozent ich mich als Schweizer, Inder, Franzose oder Brite zu fühlen hatte, aber Hundertprozent Züri: Das stand fest.
Und dann gab es natürlich die Momente, in denen mir meine Zürcher Umgebung die Vereinsfahnenflucht heimzahlte. Mit unübertroffener Vehemenz an dem Abend, als einem im Dienste des FCZ stehenden Rumänen mit der Aura eines Rausschmeissers in letzter Sekunde der Ball vor die ansonsten eher ungeschickten Füsse fiel, woraufhin sein Verein statt meiner Schweizer Meister wurde.
Weil ich zu Renitenz und Insubordination neige, bestärkten mich solche Erlebnisse in meiner unverbrüchlichen Zuneigung zum FCB. Trotzdem wäre es für einen in Zürich geborener Zürcher oft einfacher gewesen, dem FC Zürich die Daumen zu drücken oder, nach einem Gewinn bei den Euro Millions, allenfalls den Grasshoppers. Aber im Leben geht es bekanntlich nicht darum, immer nur das zu tun, was die anderen machen.
Hier schreiben abwechselnd Bruno Ziauddin, Benno Maggi, Bänz Friedli und Benjamin Steffen.
Ein Tag im Leben

Timea Bacsinszky: Alles mit der linken Hand
Eigentlich bin ich ja immer die Erste, die aus dem Bett steigt. Aber jetzt ist mein Freund meistens früher dran: Er studiert Sportmanagement an der Uni Lausanne und muss rechtzeitig in der Vorlesung sitzen, während mein Tag etwas weniger durchgeplant ist. Das ist so wegen der Verletzung, vor einigen Wochen habe ich mich an der rechten Hand operieren lassen. Fünf Monate lang hatte ich Probleme mit einer Sehne, deshalb musste ich alle Turniere absagen. Aber auch wenn ich es etwas ruhiger nehmen könnte – ich halte es nicht lange alleine aus im Bett. Deshalb stehe ich auf und mache mir einen Latte Macchiato, mit Magermilch und einem Löffel Bio-Honig. Das ist mein Lieblingsgetränk, und weil ich morgens nicht viel essen kann, mache ich mir meistens gleich zwei Tassen davon. Dann setze ich mich hin und gehe auf Twitter. Das tönt jetzt vielleicht blöd, aber Twitter ist für mich die wichtigste Informationsquelle, so lese ich News und halte mich à jour. Danach dusche ich und mache mich bereit für den Tag. Das dauert im Moment etwa drei Mal länger als sonst, ich veranstalte oft ein schreckliches Chaos, bevor ich aus dem Haus gehe. Haare waschen, schminken oder Nägel lackieren, alles mit der linken Hand – man kann sich ja vorstellen, wie das aussieht!
Später, im Training, kommt diese Hand wieder zum Einsatz: Ich spiele 15 Minuten lang Tennis mit links, fürs Gefühl. Danach trainiere ich Kraft, Schnelligkeit und Koordination, bevor ich auf den Tennisplatz zurückkehre, um Beinbewegungen zu üben. Insgesamt trainiere ich im Moment anderthalb bis drei Stunden, aber nicht jeden Tag. Herauszufinden, wie viel Training der Körper während einer Verletzung erträgt, ist nicht einfach. Man muss aufpassen, dass man nicht überbelastet. Mich zu bremsen, fällt mir manchmal schwer: Es tut weh, dass ich nicht einmal einen Bruchteil von dem leisten darf, was ich eigentlich könnte.
Nach dem Training gehe ich nach Hause und koche Mittagessen. Seit der Operation ernähre ich mich sehr bewusst. Mein Freund und ich machen ein Experiment: Wir essen keine Teigwaren mehr, kein Brot, benutzen kaum Milchprodukte. Dafür Quinoa, Linsen, Gemüse, Poulet. Höchstens am Wochenende, wenn wir einen Cheat Day haben, gibt es einmal eine Pizza. Ich fühle mich mega gut dabei, ich habe unglaublich viel Energie.
Das letzte halbe Jahr gab mir generell viel Kraft, die Zeit zu Hause hat mir gut getan. Ich habe Ausflüge mit meiner Familie gemacht, Psychologie-Bücher gelesen, Freundinnen und Freunde zum Kaffee getroffen. Alles Dinge, die in meinem Leben sonst kaum Platz haben. Vom Tennis habe ich mich ziemlich abgekapselt. Ich schaute zwar Chiudinelli bei seinem letzten Match zu oder verfolgte Belindas Comeback. Und Vicky hat mich angerufen, als sie in Lienz gegen eine Spielerin antrat, gegen die ich schon einmal gespielt habe. Aber sonst war die Tenniswelt weit weg. Ich weiss nicht einmal, wo ich im Ranking liege im Moment, es ist mir auch egal. Es dauerte etwas, bis das so war, am Anfang kannst du nicht abschalten, wenn du verletzt bist. Du musst immer wissen, was die anderen gerade machen, wo sie sind und wie sie spielen. Dann kommt der Moment, da atmest du plötzlich wieder. Du merkst: Du hast eine Familie, einen Freund, es geht nicht immer alles nur um dich.
Meine Abende sind meistens nicht sehr fancy. Ich bin mit meinem Freund zu Hause, wir schauen Serien oder einen Film, manchmal treffen wir Freundinnen und Freunde. Zwischen 22 und 23 Uhr bin ich meistens im Bett. Bevor ich einschlafe, gibt es noch etwas Handy-Zeit – et voilà, c’est fini.
Protokoll: Ursina Haller
Wahrheit No. 4: Verkehrssünden

Ursina Haller – Jahrelang hatte ich ich mich vor diesem Moment gefürchtet. Dann war er plötzlich da: Ich stand auf dem Parkplatz eines Autohändlers und strich meinem Liebling ein letztes Mal über die Haube. Ich verinnerlichte das Gefühl des warmen Stahls unter den Fingern und atmete tief ein. Dann lief ich los in Richtung Bahnhof und schaute nicht zurück. Denn ich wusste: Das, was da funkelnd in der Frühlingssonne stand, wird mir mit grosser Wahrscheinlichkeit nie wieder gehören.
Am Bahnhof schnürte es mir die Kehle zu. Ich musste den Fahrplan studieren, um nach Hause zu kommen. Eine Fahrkarte kaufen. Am Perron warten, mit all den anderen Reisenden. Ein halbes Jahrzehnt lang war mir das erspart geblieben. Öffentliche Verkehrsmittel – als Sportlerin brauchte ich das nicht.
Wenn ich zum Training oder an Wettkämpfe fuhr, sass ich in einem Cockpit, gepolstert mit feinstem Leder. Eine Stimme in bester Tonqualität wies mir den Weg, auch beim Einparken half sie. Wenn ich wollte, war ich schneller als alle anderen auf der Strasse, ein leichter Stoss am Gaspedal reichte. Und wenn ich im Stau stand, klopften manchmal Unbekannte ans Fenster – wohl in der Hoffnung, im mit Schweizerkreuzen zugepflasterten Auto sitze Lara Gut. So oder so – auch mir wünschte man viel Glück für die nächsten Wettkämpfe.
Das alles gefiel mir. So gut, dass ich selten ohne Auto unterwegs war. Ob zur Physiotherapie, zum Brunch mit Freund_innen oder zur Uniprüfung – ich fuhr bei jeder Gelegenheit im Wagen vor. Nicht ganz ohne Stolz; den Komfort musste ich mir schliesslich verdienen, Saison für Saison. Nur Wintersportler_innen, die in ihrer Disziplin zur Weltspitze gehören, dürfen sich nach der Saison ein Auto vom Verbandssponsor aussuchen und es ein Jahr lang fahren. Wer keine Top-Resultate liefert, erhält keine neuen Schlüssel.
Dasselbe gilt, wenn Sportler_innen zurücktreten. Wenige Wochen nach meinem Abschied vom Wettkampfsport erhielt ich eine Mail: Man müsse das Auto zurückhaben. Ich hatte rund sechs Wochen Zeit, um mich damit abzufinden, dass mein 100’000-Franken-Auto von einem Halbtax abgelöst wird.
Als ich dann zum ersten Mal im Zug sass, war alles halb so schlimm. Ich merkte, wie gut es mir und der Umwelt tut, wenn ich mit meinem Stolz nicht die Luft verpeste. Ich fand heraus, wie toll es ist, im Zug Unbekannte zu beobachten. Und vor allem erfüllte es mich mit einer angenehmen Ruhe, dass das Billett in meinem Portemonnaie mir gehört – für immer.
Plan B

Heute mit: Benjamin Steffen
Die Schönheit des Spiels, der Lauf des Lebens
Bänz Friedli hat letzte Woche geschrieben, wir müssten aufpassen, dass uns das Erzählen nicht abhandenkommt.
Also. Hier. Die Geschichte eines quasi kurzen Lebens.
Im Sommer 1986 fand die Fussball-WM in Mexiko statt, er war ein mittelgrosser Bub, und wenn abends Spiele kamen im Fernsehen, durfte er bis zur Pause wach bleiben und Fussball gucken – einmal aber, einmal!, hätte er bis zum Ende schauen dürfen, an einem Samstag, Frankreich – Brasilien, aber nach der ersten Halbzeit langweilte er sich, 1:1, er war müde, ging zu Bett.
Und als er am nächsten Tag hörte, was er verpasst hatte, wie aus dieser Partie ein episches Spiel geworden war, Verlängerung und Penaltyschiessen, Socrates verschossen und Michel Platini ebenso – da schwor er sich, dass er kein Fussball-WM-Spiel mehr freiwillig verpassen würde, ein Leben lang.
Vier Jahre später, wieder eine WM, er spielte selber gerne Fussball, als Torhüter, er hatte es also nicht einfach, «der Goalie bin ig», dachte er sich, zudem half er als einziges Kind seiner Klasse den Deutschen. Aber in schwierigen Momenten sagte ihm seine Mutter, er solle zuerst etwas Anständiges essen, dann sehe die Welt wieder ganz anders aus.
Und so zogen Jahre und Weltmeisterschaften und Joseph Blatter als Fifa-Präsident ins Land, 1994 erlebte der junge Mann erstmals, wie es ist, während eines WM-Spiels vor dem Fernsehen einzuschlafen (Rumänien – Argentinien), im Sommer 1998 sass er mit gerissenen Bändern vor dem TV (nach einem Stürmerfoul), er sah und las und ass und wusste viel, vor allem: dass er Sportjournalist werden und von einer Fussball-WM berichten wollte. Diesem Ziel war fortan alles untergeordnet, Karriere- und Ernährungsplan, er schrieb, wann immer es ging, und wenn es nicht mehr ging, ass er etwas. So auch 2002, die WM weit weg (Japan und Südkorea), der Traum immer näher.
2006: die Erfüllung, die WM als Berichterstatter, alles wunderbar, Dutzende von Texten, Hunderte von Süssigkeiten, die Welt immer wieder anders, Tausende von Zeilen, am Puls, na ja, mehr oder weniger, denn er merkte: wenn dir die Spieler gegenübersitzen, sind sie dir nicht mehr so nahe, wie wenn sie im Fernsehen reden. Zudem: Schweiz – Ukraine… irgendwie wie Frankreich – Brasilien 1986 in der ersten Halbzeit, bloss länger und keine Tore.
2010: Er hatte jetzt einen jungen Hund, der tollte und sprang und jaulte, aber es war WM in Südafrika, und der junge Mann wusste, dass er so lange in Südafrika wäre, wie die Schweizer im Turnier blieben, im ersten Spiel besiegten sie Spanien 1:0, alle sangen: olé, olé, er dachte: o weh.
2014: Er hatte jetzt einen eigenen Garten, in dem Him- und Erd- und Brom- und Johannisbeeren wuchsen und der Hund sich vergnügte, es gab Äpfel, Quitten und Birnen an Bäumen und Kaninchen im Käfig und eigenen Salat aus den schönen Beeten, Zucchetti und Radieschen – und die WM fand in Brasilien statt, in der bezaubernden Wiege des Fussballs, und er fragte sich: Will ich das?
Und drei Jahre später spielten die Schweizer in der Barrage gegen Nordirland, und der Mann wusste: Wenn sich die Schweizer für die WM 2018 qualifizieren, wäre wieder der Teufel los, Schweiz, Schweiz, hurra, Russland, wir kommen. Er war nicht nach Nordirland gereist, und bevor am 9. November das Hinspiel in Belfast losging, legte er sich zu Bett und nahm sich vor, am nächsten Morgen ganz, ganz lange nicht wissen zu wollen, wie das Spiel geendet hatte.
Hier schreiben abwechselnd Bruno Ziauddin, Benno Maggi, Bänz Friedli und Benjamin Steffen.
Plan B

Warum die fussballerische Überlegenheit Westeuropas eishockeyresultatmässige Dimensionen erreicht. Eine sozioökonomische Betrachtung.
Heute mit: Simon Kuper
Die vier bevölkerungsreichsten Länder der Erde – China, Indien, die USA und Indonesien – werden nicht an die Fussball-Weltmeisterschaft fahren. Island hingegen schon, Einwohnerzahl: 330’000. Und womöglich auch die Schweiz. Die beiden Länder haben vermutlich auch die grössere Berechtigung, dabei zu sein, sie gehören zur besten Region des globalen Fussballs. Fast die ganze Welt ausserhalb Westeuropas rangiert mittlerweile unter «ferner liefen».
Wie kommt das?
Ich gestehe, dass ich erwartet hatte, der Rest der Welt würde aufschliessen. Als Stefan Szymanski und ich 2009 die erste Auflage unseres Buches «Soccernomics» herausbrachten (Deutsch: «Warum England immer verliert und andere kuriose Fussballphänomene»), sagten wir voraus, dass grosse Länder wie die USA, Japan und China westeuropäische Erfolgsmodelle kopieren und aufgrund ihrer Grösse die Westeuropäer daraufhin gar überflügeln würden. Das ist nicht passiert. Im Gegenteil, Westeuropa – mit seinen lediglich 400 Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern, was nur fünf Prozent der Weltbevölkerung entspricht – hat drei Weltmeisterschaften nacheinander gewonnen, was davor keinem Kontinent gelungen war. Mehr noch: An diesen drei Turnieren belegten europäische Teams acht der neun Podestplätze. Die restlichen 95 Prozent der Welt verfügen einzig über eine Mannschaft, die mit Europa mehr oder weniger Schritt halten kann: Lionel Messis Argentinien. Nächsten Sommer werden die Europäer zudem die Endrunde auf dem Heimkontinent spielen können.
Westeuropa dominiert im Fussball aus demselben Grund, aus dem es im 16. und 17. Jahrhundert eine wissenschaftliche Revolution hervorbrachte und über Jahrhunderte die reichste Region der Welt war. Das Geheimnis ist, was der Historiker Norman Davies ein «benutzerfreundliches Klima» nennt. Westeuropa ist mild und regnerisch, daher fruchtbar, was Hunderten Millionen Menschen erlaubt, auf engem Raum zusammenzuleben. Die Geografie ermöglicht ihnen seit jeher Ideen auszutauschen, innerhalb des Kontinents und – seit die Europäer ihre Küsten dazu nutzten, die Welt zu besegeln – auch darüber hinaus.
Von der WM in Deutschland aus hätte man binnen zweieinhalb Flugstunden in jedes der rund zwanzig Länder fliegen können, in denen insgesamt etwa 300 Millionen Menschen leben. Dies ist das dichteste Netzwerk der Welt. Von Japan aus erreicht man eine einzige ausländische Hauptstadt in dieser Flugzeit: Seoul. Südafrika, der WM-Gastgeber von 2010, ist noch isolierter. Und die einzige ausländische Hauptstadt, in die man von Brasiliens grösster Stadt São Paulo aus in nur zwei Flugstunden gelangen kann, ist Asunción in Paraguay.
Zugegeben, zwei weitere Fussball-Pioniere, Uruguay und Argentinien, haben von der gegenseitigen Nähe und dem sich daraus ergebenden Austausch profitiert. Ihre Hauptstädte Montevideo und Buenos Aires liegen nur eine dreistündige Bootsfahrt über den Rio de la Plata voneinander entfernt, 1902 begegneten sich die beiden Länder im ersten internationalen Spiel ausserhalb der britischen Inseln. Nur europäische und südamerikanische Teams haben je eine Weltmeisterschaft gewonnen, und jedes bisherige Weltmeisterland grenzt an ein ebensolches (wenn man Frankreich und England, die durch einen 27 km breiten Kanal getrennt sind, als Nachbarländer rechnet). Wer gewinnen will, braucht eine kreative Nachbarschaft.
Und eben: Die westeuropäische «Nachbarschaft» ist einzigartig. Während über eines Jahrhunderts haben die Länder ihre taktischen Fussballkonzepte untereinander ausgetauscht. Einer der frühen Grenzgänger und Ideenboten war der ungarisch-jüdische Holocaust-Überlebende Béla Guttmann, vermutlich der beste Fussballcoach der 1950er- und 1960er-Jahre. «Im Verlauf meiner langen Karriere habe ich in zahlreichen Ländern gearbeitet», sagte Guttmann, der von den Niederlanden bis Uruguay fast überall gewirkt hat. «Sah ich etwas Gutes und Brauchbares im Fussball, habe ich es sogleich ‹gestohlen› und vorerst für mich behalten. Später habe ich mir dann einen Cocktail aus all den gestohlenen Delikatessen gemixt.»
Trainer wie Arrigo Sacchi, Arsène Wenger und Josep Guardiola führten später seine Arbeit fort. Die europäische Champions League, dieses engmaschige Netzwerk, ist ein wahr gewordener Binnenmarkt an Talenten und Ideen. Immerzu wird darüber debattiert, welches Fussballmodell nun dem anderen überlegen sei – Bundesliga vs. Premier League vs. Primera División vs. Serie A –, aber entscheidend ist doch vor allem die unglaubliche Intensität des Wettbewerbs innerhalb Europas, auf dem Feld wie in den Führungsetagen. Die grossen Vereine sind konstant gezwungen, nach Verbesserungen zu streben.
Teams, die in der Champions League spielen, können Talente von überall in der Welt abziehen. Und dennoch sind die Mehrheit ihrer Spieler Westeuropäer. Solange die besten Spieler und Coaches auf so engem Raum zu finden sind, so lang wird der weltbeste Fussball dort gespielt und weiterentwickelt werden – in Europa.
Während Jahrzehnten wurde ausserhalb Europas und Lateinamerikas kaum Fussball gespielt. Noch im Jahr 1990 stellten die Britischen Inseln mehr Teams an der WM, nämlich drei, als ganz Asien, das zwei Mannschaften entsandte. Doch in den 1990er-Jahren begann das Fernsehen den Fussball in neue Länder zu verbreiten, woraufhin diese aufzuholen versuchten.
Zuerst kamen sie rasch voran. Die fussballerischen Eigenschaften, die man sich am leichtesten aneignen kann, sind Fitness und defensive Organisation. Länder wie Japan lernten, technisch bessere Teams zu stoppen. Sie erreichten eine gewisse Könnerschaft – bis sie stagnierten. Denn der entscheidende Schritt zur Vortrefflichkeit ist auch der schwierigste, nämlich kreative, intelligente Spieler hervorzubringen, die zur Improvisation fähig sind. Schauen Sie sich die folgende Grafik an, zusammengestellt von Kollege Szymanski, die zeigt, wie die «neuen» Kontinente gegen die etablierten Teams aus Europa und Südamerika seit 1950 abgeschnitten haben. Ihre Siege nahmen anfänglich rasant zu und versiegten dann:
Die Siege asiatischer (AFC), afrikanischer (CAF) sowie nord- und zentralamerikanischer Teams (CONCACAF) gegen solche aus Europa (UEFA) und Lateinamerika (CONMEBOL) seit 1950 (Freundschafts- und Wettbewerbsspiele):

Die Grafik stellt Zeitabschnitte, in denen mehr Spiele ausgetragen wurden, entsprechend breiter dar. Wir stellen fest, dass all die aufstrebenden Kontinente sich zu Beginn stark verbesserten, dann aber stagnierten. Die Afrikaner erreichen ihren Zenit um 1990. Im Nachhinein muss man feststellen, dass Kameruns mitreissender Einzug ins WM-Viertelfinale 1990 das Ende von Afrikas Aufstieg markierte – und nicht dessen Anfang, wie man damals dachte. Nord- und Zentralamerika stagnierten zu Beginn des neuen Jahrtausends. Einzig die asiatischen Länder scheinen sich noch immer leicht verbessern zu können, wenn auch langsam.
Unvermindert kommen die besten Fussballer der Welt überwiegend aus Europa und Südamerika. Nicht einmal das oft als Talentschmiede gepriesene Afrika erweist sich derzeit als solche. Schauen Sie sich die besten sogenannt afrikanischen Spieler der letzten Jahre an: Pierre-Emerick Aubameyang, Riyad Mahrez and André Ayew kamen allesamt in Frankreich zur Welt, ihre Eltern sind afrikanischer Abstammung. Davor war auch Didier Drogba als Fünfjähriger nach Frankreich gekommen und hatte dort gelernt, Fussball zu spielen. Der grösste Teil der Spieler der beiden letzten Teams, die an WM-Endrunden für Furore sorgten – Senegal im Jahr 2002 und Algerien 2014 – war in Frankreich zur Welt gekommen. Fakt ist: Wer die Hoffnung hegen möchte, dereinst das Know-how des Starfussballers zu erlernen, sollte möglichst schon vor dem Beginn der Primarschule in Europa oder Lateinamerika leben.
Westeuropa wird in Russland den vierten Weltmeistertitel in Serie feiern. Wetten?
Zu unserer grossen Freude konnten wir the one and only Simon Kuper als Autor für No. 1 gewinnen. Kuper (48) ist Kolumnist der «Financial Times» und einer der weltweit angesehensten Fussball-Kommentatoren. Sein Buch «Football against the enemy. Oder: Wie ich lernte, Deutschland zu lieben» (Göttingen 2009) ist ein internationaler Bestseller. (Übersetzung: No. 1)
Der Sport-Podcast

Am 9. und 12. November spielt die Schweiz in der Barrage gegen Nordirland. Im Podcast sprechen wir mit Beni Huggel, der 2005 mit der Nati die hochdramatische Türkei-Barrage gewann, aber aufgrund einer Tätlichkeit nach dem Spiel für die WM gesperrt wurde. Huggel erzählt, wie Köbi Kuhn die Mannschaft vor dem Spiel einstellte, wie Huggel seinen Kindern die “Schande von Istanbul” erklärte und was der Vorfall mit ihm als Mensch gemacht hat.
Zwei Wochen im Leben
Mujinga Kambundji: Ferien im Senegal
Es gibt zwei Phasen im Jahr, in denen ich Ferien machen kann. Die erste ist kaum der Rede wert. Nach der Indoor-Saison im Frühling habe ich eine knappe Woche frei, und die geht für Termine drauf, für die sonst keine Zeit ist: Sponsorenauftritte, Fotoshootings, Arztvisiten. Die zweite Pause dauert länger, im Herbst nach der Outdoor-Saison fünf bis sechs Wochen. Soeben ist sie zu Ende gegangen, wie immer viel zu schnell. Es war nicht so, dass sie aus purem Nichtstun bestanden hätte, irgendwas ist immer, mit der Schule, dem Verein, und dann will ich ja all meine Freundinnen und Freunde mal wieder richtig sehen.
Aber vierzehn Tage lang war ich weg, so richtig. Eine Kollegin wollte in Dakar, der Hauptstadt des Senegal, ihre Familie besuchen, zusammen mit ihrer Mutter, ihrer Schwester und ein paar anderen Leuten. Und ich, ich ging einfach mit. Wir waren eine Gruppe von sieben Leuten und nahmen es recht gemütlich. Wir badeten und lagen am Strand, spielten Karten und schliefen aus. Wir versuchten uns im Surfen, was mega lustig war, und schlenderten über die Märkte. Und einmal machten wir einen Ausflug zum Lac Rose, einem Salzsee, der aus der Ferne rosarot schimmert. Das Wasser war so warm wie in einer Badewanne, und wegen des hohen Salzgehalts blieb man oben, ohne viel dafür zu tun. Ach ja, einmal haben wir uns Zöpfe in die Haare flechten lassen, einen ganzen Tag lang, das war auch lustig. An den Abenden gingen wir essen oder in den Ausgang. Oder wir blieben auf unseren Zimmern und redeten.
Vor dieser Reise war ich erst zweimal in Afrika gewesen, beide Male für ein Trainingslager. 2013 in Sambia, 2014 in Südafrika. Wenn man mit dem Team unterwegs ist und sich nur zwischen Hotel und Trainingsanlage bewegt, lebt man wie in einem Kokon. Das war diesmal anders. Ich mochte die Kleider der Senegalesinnen und genoss es, dass die Strassen bis tief in die Nacht hinein voller Leute waren. Mir gefiel, wie die Kinder zueinander schauten, wie sich Geschwister gegenseitig an der Hand nahmen und sich nicht mehr losliessen.
Man sieht viel Armut im Senegal, aber man sieht auch viel Glück.
Mein Vater stammt aus dem Kongo. das liegt ziemlich weit südwestlich vom Senegal. Er hat früh seine Eltern verloren und wurde von Familie zu Familie gereicht. Er hat nie viel von damals erzählt, aber aus dem wenigen, das ich weiss, schliesse ich, dass sein Leben nicht immer einfach war. Seit er in der Schweiz ist, sind er und meine Mutter zweimal länger in seiner Heimat gewesen, aber das war noch, bevor sie uns hatten, mich und meine drei Schwestern. Danach fehlte viele Jahre lang das Geld. Und jetzt, da das Geld vielleicht nicht mehr so ein Problem wäre, fehlt immer irgendwie die Zeit.
Ich glaube, dass wir das noch nachholen werden. Während meinen Ferien im Senegal schrieb ich in den familieninternen Whatsapp-Chat: «Aaaaah! Jetzt müssen wir wirklich endlich in den Kongo gehen!» Schon klar: Der Senegal ist nicht Kongo. Trotzdem glaube ich, dass ich dem Kongo nie näher war.
Da fällt mir ein: Ich bin doch nicht nur herumgefläzt. Gegen Ende unseres Aufenthalts, als der Trainingsbeginn zu Hause immer näherrückte, ging ich manchmal am Strand Joggen. Also nicht wirklich Joggen, das mag ich ja überhaupt nicht, ich bin Sprinterin. Aber so Intervallläufe, in and out, eine halbe Minute voll, eine halbe Minute langsam. Ist recht anstrengend, man gerät ziemlich ausser Atem. Aber es hat den Vorteil, dass es nach einer halben Stunde vorüber ist und man doch etwas gemacht hat.
Protokoll: Christof Gertsch

Plan B
An der Wand hängen mächtige Souvenirs an ein ungefähres Einst.
Heute mit: Bänz Friedli
Erinnerung an den Sommerschnee
«Jetzt muass er denn öppa dr Yolo Flip uspacka!», mahnte Gian Simmen aus dem Off, wissend, dass Iouri Podladtchikov ohne den schwierigsten aller Sprünge keine Chance auf Olympiagold haben würde. Simmen, mehr Mitfieberer als TV-Kommentator, hatte sechzehn Jahre zuvor in Nagano selber Gold in der Halfpipe gewonnen. «Jetzt muass er denn öppa dr Yolo Flip uspacka!» Es klang mehr nach Wunsch denn nach Aufforderung, eher ängstlich als zuversichtlich. Podladtchikovs finaler Run an den Olympischen Spielen in Sotschi neigte sich dem Ende zu. Jetzt oder nie! Würde er ihn nicht gleich auspacken, den Yolo Flip, dann …
Mattscheibe. Im entscheidenden Moment versagte der Fernseher in unserer Bündner Ferienwohnung den Dienst. Jahre, vielleicht Jahrzehnte hatte ich kein Sportereignis mehr so herbeigesehnt, nicht mit solcher Hingabe verfolgt. Ewig hatte ich nicht mehr so mitgefühlt. Und jetzt: schwarz. Bildstörung. Zum Glück stand der Laptop auf dem Esstisch. Hurtig den Live-Stream angeklickt, vielleicht würde es reichen. Podladtchikov nimmt Anlauf zum letzten Sprung, schnellt der Kante entgegen. Und dann …
Es ist wirklich wahr, was ich Ihnen erzähle: Dann gab mein sauteures Powerbook für immer den Geist auf. Aus, Ende. Blackout. Iouri Podladtchikov muss in Sotschi längst am Jubeln gewesen sein, sich mit dem unterlegenen Freund und Erzkonkurrenten Shaun White in den Armen gelegen haben – und bei mir waren nacheinander zwei Geräte ausgestiegen, die mich am Triumph hätten teilhaben lassen sollen.
Was ich meinen Enkeln nicht alles erzählen werde!
Vom «Jahrhundertspiel» im Fussball, ich war ein Knirps von fünf Jahren, und im Aztekenstadion von Mexiko-Stadt rangen die Italiener in der Verlängerung des WM-Halbfinals Deutschland nieder: Burgnich, Facchetti, Mazzola, Rivera, Boninsegna. Noch immer kann ich die Namen der legendären Squadra von 1970 nennen. Obgleich ich den Match nicht verfolgte, wir hatten keinen Fernseher. Doch ich sehe es vor mir, wie Gianni Rivera in der 111. Minute das entscheidende 4:3 erzielte.
Von «Maite» Nadigs Fahrt zu Abfahrtsgold in Sapporo werde ich berichten. Eine Skisensation wars, 1972, ich ging in die erste Klasse – mir ist, als ob es gestern gewesen wäre.
1978 sah ich mein erstes Endspiel, Argentinien gegen Holland. Gut, «sehen» ist übertrieben: Knisterndes Schwarzweiss am SABA-Fernseher, den meine Eltern von den Aernis geschenkt bekommen hatten. Die hatten sich neu einen Farbfernseher geleistet! Auf unserem Schirm war das Geschehen in Buenos Aires nicht wirklich auszumachen. Es schneite.
Am SABA-Fernseher schneite es auch sommers.
Den Sieg «meiner» Azzurri an der Endrunde 1982, den endlich sah ich live und in Farbe. Und danach nie wieder, wenngleich jede einzelne Sequenz heute im Web abrufbar ist. Ich will sie nicht mehr sehen, Tardellis Torjubel kann in Wahrheit gar nicht so schön gewesen sein wie in meiner Erinnerung. Denn im Erzählen erst und im wieder und wieder Erzählen werden die grossen Ereignisse ganz gross. Wie oft habe ich den Kindern erzählt, wie Beat Breu 1982 die Bergankunft auf Alpe d’Huez gewann, weshalb ich dann zu spät zur Klavierstunde gekommen sei?
Und wie die Young Boys im Halbfinal des Meistercups 1959 Stade Reims schlugen! Zwar war ich noch nicht auf der Welt, aber ich weiss es. Es wurde mir erzählt von einem, der dabei war, Bernard. Er hat es mir oft und detailliert erzählt. Wenngleich er damals als Knirps im überfüllten Wankdorf vermutlich gar nichts mitbekam, mitten unter Stumpen rauchenden Männern, die ihm die Sicht versperrten. Egal, in Bernards Erzählung wird er lebendig, der grösste Sieg der Vereinsgeschichte.
Wir müssen aufpassen, in Zeiten von Youtube, dass uns das Erzählen nicht abhandenkommt. Womöglich werde ich den Enkelinnen und Enkeln auch erzählen, dass ich selber einst bei strömendem Regen im Pflotsch auf Platz 11 der Fussballanlage Hardhof den entscheidenden Elfmeter versenkte zum Sieg meines Teams in der Zürcher Alternativliga. Ich war nur zum Zug gekommen, weil die zehn anderen schon geschossen hatten und die Partie immer noch unentschieden stand. Keiner hätte mir, dem hüftsteifen Aussenverteidiger, das Vertrauen geschenkt, einen Penalty zu treten. Aber nun musste ich ihn treten. Und traf. Dass der gegnerische Torwart miserabel reagiert hatte und mein Schuss schwach und nicht besonders platziert gewesen war: Ich werde es verschweigen.
Aber von Iouri werde ich schwärmen, Iouri Podladtchikov. «Wisst ihr», werde ich den Enkelinnen und Enkeln erzählen, die Mira oder Nicolò oder Anna oder Birk heissen werden, «wisst ihr, das war mehr als Sport, was der gemacht hat. Es war Kunst. Wie er Linien in den Schnee zeichnete und Figuren in die Luft malte, ureigene Linien und Figuren, wie er gleichsam Bewegungen erzauberte und erschuf, die vor ihm niemand vollbracht hatte, das war … das war grosse Kunst und der schönste Sportmoment meines Lebens.»
Dass ich ihn verpasst habe wegen eines TV-Geräts und eines Computers, die kurz nacheinander ausstiegen: Davon werde ich vermutlich nichts sagen. «‹Jetz muass er denn öppa dr Yolo Flip uspacka …!›, hat der Kommentator gesagt – und dann … dann, Kinder, hat Iouri den Yolo Flip ausgepackt.»
Hier schreiben abwechselnd Bruno Ziauddin, Benno Maggi, Bänz Friedli und Benjamin Steffen.
Wahrheit No. 3: Selfie-Stress

Ursina Haller –Das Smartphone war mein wichtigster Gefährte während meiner Zeit als Sportlerin. Es war das Erste, das ich am Morgen sah. Schon während dem Frühstück belieferte es mich mit News, den ganzen Tag lang schaffte es zuverlässig Meldungen, Fotos, Musik herbei. Es war immer da, wenn ich niemanden zum Reden hatte. Und am Abend blinkte es mir noch einmal zu, bevor ich einschlief.
Aber jetzt einmal ehrlich: Es gab viele Episoden mit diesem Gerät, die alles andere als schön waren. Etwa diese: Ich stehe an einem Pistenrand in den Rocky Mountains, es sind Minus 20 Grad, meine tauben Finger umklammern den schwarzen Kasten. Schneekristalle perlen auf dem Bildschirm und auf der Haut. Ich zittere, das Telefon rutscht mir beinahe aus der Hand. Mühevoll halte ich es von mir weg, damit ich mich selber im Bildschirm sehe. Ich forme meinen Mund zu einem Lächeln, dann realisiere ich, dass die Masten der Bergbahn meinen Kopf umrahmen. Die Mundwinkel senken sich, ich muss mich anders positionieren. Ich drehe mich etwas, schaue wieder freundlich in die Kamera. Nun fährt mir hinten ein Skifahrer ums Ohr. Ich drehe mich wieder, so lange, bis hinter mir nur die Bergwelt zu sehen ist. Dann manövriere ich den steifen Finger auf den Auslöser. Klick! Ich schaue total entspannt in die Kamera.
Später sitze ich auf dem Sessellift und suche mit steifen Fingern das Bild aus, auf dem ich am besten aussehe. Ich wähle einen Filter, ändere ihn wieder. Tippe einen Satz ein, ändere ihn wieder. Ich markiere die Sponsoren. Als ich endlich auf «posten» tippe, sind meine Finger knallrot, und ich bin mit den Nerven fertig.
Wie ich mir in solchen Momenten die Zeit herbeisehnte, in denen es noch keine Mobiltelefone gab, kein Facebook, kein Instagram. Die Zeit, in denen Sportler_innen noch keine Social-Media-Manager sein mussten, sondern einfach ihrem Sport nachgehen konnten, ohne stets darüber zu berichten. Seit einigen Jahren sind die sozialen Medien neben Training und Wettkampf nämlich das Haupttätigkeitsfeld von Sportler_innen, ob sie wollen oder nicht. Nicht nur die sportliche Leistung, sondern auch die Reichweite und die Eloquenz in den sozialen Medien entscheiden darüber, ob Firmen einen als Werbeträger wählen. In Sponsoringverträgen steht geschrieben, wann und wie die Werbepartner_innen in Beiträgen zu erwähnen sind. Social-Media-Pläne, vorgegebene Hashtags, Kampagnen – das gehört heute zum Alltag.
Sportler_innen reisen nicht mehr alleine an einen Wettkampf oder in ein Trainingslager. Die Follower sind im Kopf immer dabei: Kommen Athlet_innen an einem neuen Ort an, scannen sie diesen sofort auf mögliche Sujets, mit denen sie ihre Fans beliefern können. Das kann verheerende Ausmasse annehmen. Die Social-Media-Ambitionen der Sportler_innen sollen einer der Gründe sein, weshalb Roger Federer jeweils nicht im olympischen Dorf wohnt. Athlet_innen belagern ihn an den Spielen offenbar dermassen für Selfies, dass er es schlicht nicht aushält.
Natürlich sind die sozialen Netzwerke auch eine Chance, gerade für Sportler_innen, die weit vom Bekanntheitsgrad eines Federers entfernt sind. Facebook, Instagram und Twitter bieten ihnen eine Plattform, dank der sie sich eine Fangemeinde aufbauen können. Und auch Sportler_innen, über die in den Medien berichtet wird, profitieren: Auf ihren Profilen können sie ihre eigene Sicht der Dinge darlegen und sich ein Image erschaffen, das unabhängig ist von der Berichterstattung durch Journalist_innen.
Apropos: Seit ich vom Spitzensport in die Medienbranche gewechselt habe, stelle ich fest, dass es sich dort ganz ähnlich verhält mit den sozialen Medien. Zwar habe ich keine Sponsoringverträge mehr, und Selfies sind etwas weniger gefragt. Aber wenn ich will, dass meine Beiträge gelesen werden, tue ich gut daran, sie in den sozialen Netzwerken zu teilen. Wie froh ich bin, dass ich jetzt nicht auf einem Sessellift sitze!
Nächste Woche schreibt Ursina über Wahrheit No. 4: Verkehrssünden.
Der Sport-Podcast

Seit zwanzig Jahren kommentiert Stefan Bürer zusammen mit seinem Sidekick Heinz Günthardt die Spiele von Roger Federer. In der dritten Folge des No. 1-Sport-Podcasts spricht Mikael Krogerus mit Bürer über die hohe Kunst, Federers Spiel zu lesen, «Peak Nadal», Djokovics fehlende Authentizität und den Unterschied zwischen kommentieren und moderieren.